Donnerstag, 22. März 2012

Der Pfaffenhofener

Der Himmel unterm Rathauspflaster

von Lorenz Trapp

Geh weg von der Vorlage und vertraue deiner Intuition!“ Wer Anita Hörskens in ihrer Malschule beobachten darf, stellt ganz schnell fest, dass sie den Umgang mit Menschen liebt. Unspektakulär, doch offensichtlich effektiv analysiert sie die Bilder der Kursteilnehmer, gibt Tipps, greift sogar kurz selbst zum Pinsel, setzt gezielt eine „kleine Dunkelheit“, wirklich nur ein kleiner Strich – und verändert so den Gesamteindruck des Gemäldes mit der liebevollen Zurückhaltung des Lehrenden. 

 Bildbesprechung
Arbeitsplatz im Atelier

 


Die intensive Arbeit mit den Kursteilnehmern ist für Anita Hörskens sowohl Geschenk als auch Herausforderung. Über viele Jahre hinweg erwarb sie sich in Fortbildungsseminaren an freien Akademien und bei den unterschiedlichsten Dozenten einen umfangreichen Fundus an theoretischem und praktischem Wissen, den sie in ihrem Atelier an der Senefelderstraße in Kursen zur Verfügung stellt. Neben der Vermittlung von Theorie und Praxis möchte sie den Kursteilnehmern aber auch noch etwas ganz anderes mitgeben: „Malen ist eine Möglichkeit, aus dem Alltag auszusteigen; durch die absolute Konzentration auf das Bild gelingt die totale Entspannung“. Für sie ist Malen ein Prozess, in dem man sich völlig angstfrei bewegen kann, es geht quasi um nichts, und man kann eigentlich keine Fehler machen. Hier zitiert sie gern den großen Spanier Pablo Picasso: „Es gibt keine Fehler, es gibt nur Zwischenzustände“. Ihre Kursteilnehmer sollen Malen begreifen als Spiel mit Farben und Formen, und Anita Hörskens lächelt: „Ziel ist, so weit zu kommen, dass man so selbstverständlich malt wie man morgens die Zähne putzt!“

Neben den Malkursen bietet Anita Hörskens – als weiteres Standbein ihrer Tätigkeit – firmeninterne Seminare, Workshops und Einzel-Coaching an. Auch hier setzt sie Farben, Formen, spezifische Materialien und geeignete Werkzeuge ein, um die im Bild sichtbar werdenden Erfahrungen und Erkenntnisse in der Erinnerung zu halten. So sind sie weiterhin präsent und können sowohl im beruflichen als auch im privaten Alltag konstruktiv eingesetzt werden. Weiter berät Anita Hörskens angehende Kunst- und Design-Studenten bei der Mappenvorbereitung für die Aufnahmeprüfung mit fachlicher Kompetenz und langjähriger Erfahrung. In ihren Kursen sieht sie sich als Dienstleisterin, die ihr Wissen, ihr Können, weitergibt. Ihre zwei großen Lehrmeister waren ein klassisch-italienisch ausgebildeter Ölmaler, bei dem sie Akt- und Portraitmalerei lernte, und ein hervorragender Aquarellist, der als Architekt arbeitet: „Von ihm habe ich alles über Perspektive erfahren!“



Die Künsterlin privat . . .

In ihren Kursen geht es um bestimmte Themen, deren Umsetzung die Teilnehmer lernen. Die „private“ Malerin Anita Hörskens präsentiert sich im Verhältnis dazu freier und abstrakter. „Abstrakt“, erklärt sie, „ist ja nicht nur Gekritzel“. Als Beispiel nennt sie das „Rathausbild“, das in ihren Privaträumen die Wand ziert.

Ausgangspunkt war die Gegenständlichkeit des Rathauses, das sie – als Auftragsarbeit – auf eine Schützenscheibe malen sollte. Aus den Skizzen zur Vorbereitung entwickelte sich parallel die Idee für das eigene Bild: „Im Vorfeld des Wettbewerbs ‚Lebenswerteste Stadt‘ erschien das Rathaus auch als optische Wiedergabe der Energie, die damals entstanden ist“. Dazu kam der ganz persönliche Eindruck, dass alles zugepflastert ist, eine scharfe Nüchternheit, die in ihrem Gemälde dann zum dunklen, unteren Teil führte und in der Ornamentik im Großen wiederholt, was im Kleinen da ist: Die Rundbögen der Rathausfenster mögen dem einem wie Höllentore erscheinen, die Pfaffenhofener Wappenfarben bestimmen den Himmel, und der andere sieht einen – vielleicht – düsteren Himmel unter dem Pflaster. Interpretationsmöglichkeiten eröffnen sollen ihre Bilder und sich auch der Themen annehmen, die nicht unbedingt für den Massengeschmack geeignet sind. „Der Betrachter“, wünscht sich Anita Hörskens, „soll aus meinen Bildern seine ganz persönliche Schlüsse ziehen, sich auf Grund eigener Sehgewohnheiten darin zurechtfinden“. 

Sie arbeitet als Künstlerin stets seriell. Ihre Motive tauchen, wie die „Rehkrickerl“, immer in Serien auf.

Rehkrickerl I

Rehkrickerl II

Diese fast porzellanartigen Schädelknochen, die den Charakter der Rehe – scheu und zart, verletzlich, aber auch kraftvoll – widerspiegeln, begleiten sie schon seit Jahren, und immer wieder entstehen sie in neuen Formen und Farben. „Malen ist ein nicht vorbestimmter Prozess des Schichtens und Verdichtens“, sagt Anita Hörskens, „nur so kann Neues entstehen!“ Bloßes Aufbauen sei zu plakativ, zu schön, im Prozess müsse man zwischendurch zerstören, um darauf in einer neuen Schicht wieder aufzubauen. Genau dies versucht sie in ihren Kursen zu vermitteln: „Es gibt kein klares, einziges Ziel, das ich wie beim Autofahren in ein Navi eingeben kann; wenn ich an der Kreuzung stehe, betrachte ich mein Bild und entscheide, in welche Richtung ich weitergehe!“

Genau diese Grundlagen will sie ihren Schülern beibringen. Sie schöpft aus ihrem Fundus aus Handwerk und Theorie, begleitet ihre Schüler auf dem Weg, der ihnen bewusst macht, wer sie in ihren Bildern eigentlich sind. „Und irgendwann sind sie dann so weit, dass ich ihnen nichts mehr beibringen kann, so dass ich ihnen nur noch von mir mitgeben kann, was ich als private Malerin bin“, 
fasst Anita Hörskens zusammen – und weiß damit, dass der Kursteilnehmer den Weg zu seiner eigenen, intuitiven Kreativität gefunden hat.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen